Text: Marita Werntze-Sparla
Am 13. Januar 2026 erlebte ich zu meiner Freude in München das 2976. amazighische Neujahrsfest. Wer hat je hier bei uns davon gehört? Marokkanische und algerische Familien mit amazighischen Wurzeln, die in München leben, kamen im Kulturbahnhof Giesing zusammen, um bei Musik und Tanz, süßem Gebäck und Minztee Yennayer zu feiern. Die in Nordafrika, so auch die in Marokko lebenden Berber bezeichnen sich bevorzugt mit dem Wort Imazighen. (gesprochen Imaziren).Dieser Begriff stammt aus der Berbersprache und lässt sich mit „Die Freien“ übersetzen. Bereits in über 5.000 Jahre alten Aufzeichnungen der Ägypter wird das Berbervolk erwähnt. Sie verfügen über eine alte, reiche Kultur – die Arabisierung/Islamisierung Nordafrikas erfolgte erst im 7./8. Jh.n.Ch. Mittlerweile gilt auch ihre Sprache – das Tamazight – neben Arabisch und Französisch offiziell als dritte Amtssprache. Diese Sprache jedoch bedeutet für sie mehr als ein Kommunikationsmittel: Sie ist ein lebendiges Band zu ihren Vorfahren, ein Faden, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet. So wollen sie diese ihre Identität fernab ihrer Heimat von den Atlasbergen bis zur Sahara bewahren, feiern und lebendig erhalten. Die jungen Väter tanzten mit ihren Babys und Kleinkindern auf dem Arm zu ihren Rhythmen und Balladen – deren gesungene Texte ich leider nicht verstand. Die Lieder erzählen ähnlich wie unsere Balladen mit großer emotionaler Tiefe von Liebe, Sehnsucht, Heirat, Trennung, Migration und auch von Widerstand und Krieg, Ich spürte, diese tiefe Bedeutung der Weitergabe von Klang, Bewegung und Freude an die nächste Generation und am Ende tanzten alle miteinander.
Die Wurzeln des Amazigh Neujahrsfestes sind tief in den landwirtschaftlichen Zyklen zwischen Aussaat und Ernte verwurzelt, ähnlich unserem Ernte-Dank-Fest oder dem jüdischen Laubhüttenfest.
Heute könnte dieses Fest eine wertvoller Gelegenheit sein, das Bewusstsein für einen respektvollen Umgang mit unseren Ressourcen zu schärfen und soziale Verantwortung zu übernehmen und sich der seit Alters her überlieferten Werte zu erinnern wie Freiheit, Respekt, Einheit und Solidarität.
Rachid Massine, dem die Vorbereitung dieses Abends besonders am Herzen lag, sagte mir, dass sie die amazighische Kultur, die lange Zeit nicht sichtbar war, mit Freunden und Bekannten hier in München teilen wollen. Hier leben mehrere tausend Menschen marokkanischer Herkunft, Algerier einige Hundert, Und so soll an diesem Abend jedes Lächeln, jedes Lied, jeder Tanz eine Brücke zwischen den Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher kultureller Prägung sein. Bei all den Negativmeldungen aus der arabischen Welt bleibt der kulturelle Reichtum dieser amazighischen Volksgruppen weitgehend unbekannt. Das möchten sie durch eine Vereinsgründung mit dem Namen „Deutsch-Amazighische Freundschaftsvereinigung“ ändern.,
Somit schließe ich mit einer Einladung zur Teilnahme an Yennayer im Januar 2027.
