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Sanaa Jeddoubi: Die junge Frau an der Spitze des Ahidous
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Sanaa Jeddoubi: Die junge Frau an der Spitze des Ahidous

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Mit Mut, Ausdauer und einer großen Leidenschaft für das amazighische Kulturerbe hat Sanaa Jeddoubi eine traditionell männlich besetzte Rolle erobert. Die junge Künstlerin aus Oulmes gilt als erste weibliche Leiterin einer Ahidous-Gruppe in Marokko. Heute führt sie ihre eigene Formation „Tifsa“ und möchte die traditionsreiche Kunst des Mittleren Atlas auf internationale Bühnen bringen.

Eine ungewöhnliche Begegnung mit dem Ahidous

Sanaa Jeddoubis Geschichte beginnt in Agchemir bei Oulmes, mitten im marokkanischen Atlasgebirge. Während einer amazighischen Hochzeitsfeier beobachtete sie als Elfjährige eine Ahidous-Gruppe. Doch sie blieb nicht lange am Rand stehen: Mit selbstbewussten Schritten betrat sie den Kreis und begann, die Bewegungen, Gesänge und Rhythmen der Künstler nachzuahmen.

Das Publikum reagierte begeistert. Was zunächst wie ein spontaner Auftritt eines Kindes wirkte, wurde zum Ausgangspunkt einer außergewöhnlichen künstlerischen Laufbahn. Sanaa erinnert sich humorvoll daran, dass ihre Familie damals feststellte, sie sei vom „Wahnsinn des Ahidous“ ergriffen worden.

Ihr Onkel, der selbst eine Ahidous-Gruppe leitete, erkannte früh ihr Talent. Er wollte sie nicht nur als Tänzerin aufnehmen, sondern ihr die Rolle der „Tamsourt“, der Leiterin der Formation, übertragen. In einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem Führungsaufgaben innerhalb traditioneller Musik- und Tanzgruppen überwiegend Männern vorbehalten waren, war dies ein mutiger Schritt.

Unterstützung durch die Familie

Bevor Sanaa Teil der Gruppe werden konnte, sprach ihr Onkel mit ihren Eltern. Ihr Vater unterstützte die Idee von Anfang an. Ihre Mutter reagierte zunächst zurückhaltender. Sie fürchtete, dass die künstlerische Tätigkeit die schulische Entwicklung ihrer Tochter beeinträchtigen könnte.

Gerade weil die Mutter selbst keine Möglichkeit gehabt hatte, eine Schule zu besuchen, wollte sie Sanaa jedoch nicht die Chance auf einen anderen Lebensweg nehmen. Schließlich stimmte sie zu. Die Familie stellte dabei eine klare Bedingung: Sanaa sollte ihre Ausbildung fortsetzen und gleichzeitig ihre Leidenschaft für den Ahidous pflegen.

Diese Unterstützung wurde zu einem wichtigen Rückhalt. Denn die junge Künstlerin musste sich nicht nur auf der Bühne beweisen, sondern auch gegen gesellschaftliche Vorurteile und abwertende Kommentare behaupten.

Zwischen Anerkennung und Ablehnung

Noch im selben Jahr trat Sanaa beim nationalen Ahidous-Festival in Ain Leuh auf. Damit wurde sie zur jüngsten Leiterin einer Ahidous-Gruppe, die das Festival bis dahin erlebt hatte.

Ihre Auftritte lösten unterschiedliche Reaktionen aus. Viele Menschen bewunderten ihren Mut und ihre außergewöhnliche Bühnenpräsenz. Andere konnten sich nur schwer damit abfinden, dass ein junges Mädchen eine Gruppe anführte, der auch erwachsene Männer angehörten.

Die Ablehnung richtete sich weniger gegen ihre künstlerischen Fähigkeiten als gegen ihr Geschlecht. Sanaa wurde sowohl von Gleichaltrigen als auch von Erwachsenen verspottet. Dennoch ließ sie sich nicht von ihrem Weg abbringen. Besonders ihr Vater ermutigte sie, zwischen Schule und Kunst ein Gleichgewicht zu bewahren.

Sanaa trat deshalb vor allem während der Schulferien auf. Im Jahr 2022 legte sie erfolgreich ihr Abitur ab und begann anschließend ein Jurastudium in Rabat. Nach einem Jahr stellte sie jedoch fest, dass ihre eigentliche Zukunft in der Kunst lag.

Der Weg zum Theater

Bereits 2018 hatte Sanaa während der Dreharbeiten zu einem Film die bekannte marokkanische Schauspielerin und Regisseurin Latifa Ahrar kennengelernt. Ahrar erkannte ihr Potenzial und ermutigte sie, sich am Institut supérieur d’art dramatique et d’animation culturelle in Rabat zu bewerben.

Der Weg dorthin war nicht einfach. Zweimal bestand Sanaa die Aufnahmeprüfung nicht. Doch Aufgeben kam für sie nicht infrage. Beim dritten Versuch wurde sie angenommen und konnte ihre professionelle Ausbildung im Bereich Theater beginnen.

Die Verbindung von Ahidous und Schauspiel eröffnet ihr neue künstlerische Möglichkeiten. Auf der Bühne möchte sie das überlieferte Wissen ihrer Region mit zeitgenössischen Ausdrucksformen verbinden. Langfristig träumt sie davon, selbst Regisseurin zu werden.

Aus persönlichem Schmerz wird eine gesellschaftliche Botschaft

Das Jahr 2021 bezeichnet Sanaa als eine der schwierigsten Phasen ihres Lebens. Beleidigende Kommentare in den sozialen Netzwerken und der anhaltende gesellschaftliche Druck belasteten sie so stark, dass sie zeitweise über einen Rückzug aus der Öffentlichkeit nachdachte.

Doch dann erinnerte sie sich an die Frauen ihrer Heimatregion, deren Fähigkeiten und Wünsche häufig unsichtbar bleiben. Ihr wurde bewusst, dass ein Rückzug als Zeichen der Niederlage verstanden werden könnte. Aus dieser Erkenntnis schöpfte sie neue Kraft.

Ihre Beharrlichkeit ermutigte weitere junge Frauen, ähnliche Wege einzuschlagen. Nach Sanaas Angaben gibt es inzwischen vier Frauen, die Ahidous-Gruppen leiten. Ihr persönlicher Erfolg hat damit eine Entwicklung angestoßen, die über ihre eigene Karriere hinausgeht.

„Tifsa“ – eine junge Formation mit tiefen Wurzeln

Mit 20 Jahren gründete Sanaa ihre eigene Gruppe: „Tifsa“. Der Name bezeichnet den Übergang vom Winter zum Frühling und steht für Erwachen, Wachstum und Neubeginn.

Die junge, gemischte Formation versteht sich als Teil der Ahidous-Tradition, möchte diese jedoch behutsam weiterentwickeln. Sanaa respektiert die überlieferten Rhythmen, Gesänge und Bewegungen, setzt aber zugleich eigene Akzente bei der Themenwahl, der Kleidung und der Gestaltung der Auftritte.

Auch die Farben der Kostüme tragen symbolische Bedeutungen. Grün steht für die Frau, die Fruchtbarkeit und das Leben. Gelb verweist auf Energie, Lebendigkeit und die Verbundenheit mit der Erde. Rot symbolisiert nach Sanaas Deutung den ehrenhaften Mann, dem mit Respekt begegnet wird.

Sobald sie die Bühne betritt, verändert sich ihre Ausstrahlung. Aus der jungen, fröhlichen und sensiblen Frau wird die „Tamsourt“, die Verantwortung für die gesamte Gruppe übernimmt. Jede Bewegung, jeder Einsatz und jede Formation müssen stimmen. Diese Disziplin habe sie vor allem von ihrem Onkel gelernt.

Das Kulturerbe lebendig halten

Ahidous ist weit mehr als ein folkloristischer Bühnentanz. Die Verbindung von kollektivem Gesang, Poesie, Rhythmus und Bewegung ist ein bedeutender Bestandteil des immateriellen Kulturerbes der Amazigh im Mittleren Atlas. Frauen gehören seit Langem zu dieser gemeinschaftlichen Kunstform. Die leitende Position innerhalb einer Formation war jedoch traditionell meist Männern vorbehalten.

Sanaa Jeddoubi stellt die Tradition nicht infrage, sondern erweitert ihre Möglichkeiten. Sie zeigt, dass die Bewahrung des kulturellen Erbes und die Beteiligung junger Frauen keine Gegensätze sein müssen.

Ihr nächstes Ziel ist es, mit „Tifsa“ auch außerhalb Marokkos aufzutreten. Sie möchte den Ahidous einem internationalen Publikum näherbringen und zugleich neue Begegnungen mit anderen Kulturen ermöglichen.

Wenn Sanaa heute auf der Bühne steht, erinnert sie sich noch immer an jene Sommernacht in Oulmes: an die Hochzeitsfeier, den Rhythmus der Trommeln und das elfjährige Mädchen, das sich nicht mit der Rolle der Zuschauerin zufrieden gab. Mit ihrem Schritt in den Kreis erklärte sie schon damals, ohne es aussprechen zu müssen: Hier ist mein Platz.

 

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