Ein ortskundiger Naturführer macht die einzigartige Vogelwelt des Nationalparks Souss-Massa für Besucher aus aller Welt erlebbar
Südlich von Agadir, dort, wo der Fluss Massa auf den Atlantik trifft, liegt Sidi R’bat. Das kleine Küstendorf ist von Dünen, Steilküsten, Feuchtgebieten und offenen Landschaften umgeben. Es gehört zu einer ökologisch besonders wertvollen Region Marokkos. Hier lebt und arbeitet Lahcen Ahuilat, der unter Naturfreunden und Vogelbeobachtern als „Guide Lahcen“ bekannt ist.
Lahcen Ahuilat, dessen vollständiger Name auch als Lahsen Ahuilat ben M’Bark angegeben wird, begleitet seit vielen Jahren Besucher durch den Nationalpark Souss-Massa und die angrenzenden Naturräume. Seine Arbeit beruht nicht allein auf erlerntem Fachwissen. Sie ist eng mit seinem Leben in Sidi R’bat und seiner täglichen Beobachtung der Landschaft verbunden.
Er kennt die Wege entlang der Massa-Mündung, die Futterplätze der Vögel und jene unauffälligen Stellen, an denen sich seltene Arten beobachten lassen. Er weiß, wie sich Wind, Wasserstand und Jahreszeit auf die Tierwelt auswirken. Oft erkennt er einen Vogel bereits an seinem Ruf oder an einer kurzen Bewegung in der Ferne, während Besucher noch versuchen, ihn mit dem Fernglas zu finden.
Der Waldrapp als besonderer Botschafter
Im Mittelpunkt vieler Führungen steht der Waldrapp. Der große, dunkel gefiederte Vogel mit seinem kahlen roten Kopf und dem langen gebogenen Schnabel gehört zu den seltensten Vogelarten der Welt. Der Nationalpark Souss-Massa ist eines seiner wichtigsten Rückzugsgebiete.
Der Waldrapp war früher in großen Teilen Nordafrikas, des Nahen Ostens und Europas verbreitet. Lebensraumverlust, Jagd, Störungen an den Brutplätzen und der Einsatz von Pestiziden führten jedoch zu einem dramatischen Rückgang seiner Bestände. Die verbliebenen natürlichen Kolonien in Marokko erhielten deshalb eine besondere Bedeutung für das Überleben der Art.
Dass sich die marokkanische Population erholen konnte, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Schutzmaßnahmen. Neben staatlichen Einrichtungen und internationalen Naturschutzorganisationen spielten dabei Menschen aus den umliegenden Dörfern eine entscheidende Rolle. Ortskundige Führer und Naturwächter beobachten die Vögel, achten auf Veränderungen und vermitteln Besuchern die Bedeutung ihres Schutzes.
Lahcen Ahuilat ist Teil dieses lokalen Wissensnetzes. Wer mit ihm unterwegs ist, begegnet dem Waldrapp nicht nur als seltenem Fotomotiv. Der Vogel wird zum Ausgangspunkt einer umfassenderen Geschichte über die Natur der Region, ihre Gefährdung und die Verantwortung des Menschen.
Wissen, das aus der Landschaft kommt
Lahcens Stärke liegt in der Verbindung von Naturbeobachtung und Ortskenntnis. Erfahrungsberichte von Besuchern zeigen, dass er sich mit anderen Führern, Hirten und Bewohnern der Region austauscht, um zu erfahren, wo bestimmte Vögel zuletzt beobachtet wurden. Dieses Netzwerk ist besonders wertvoll, weil Tiere keine festen touristischen Routen kennen.
Neben dem Waldrapp lassen sich rund um Sidi R’bat zahlreiche weitere Arten beobachten. Dazu gehören Eulen, Reiher, Flamingos, Greifvögel, Watvögel und verschiedene Zugvögel, die auf ihrer Reise zwischen Europa und Afrika an der marokkanischen Atlantikküste Rast machen.
Eine Führung mit Lahcen beschränkt sich deshalb nicht auf das Abhaken einer Artenliste. Sie führt durch unterschiedliche Landschaften und bringt Besucher auch mit dem Alltag der Bevölkerung, den Traditionen der Region und der amazighischen Kultur in Berührung. Gäste berichten von gemeinsamen Marktbesuchen, Begegnungen mit Bewohnern und Ausflügen, die über den Nationalpark hinaus bis nach Sidi Ifni und Guelmim führten.
Lahcen spricht neben Arabisch und Tamazight auch Deutsch, Französisch und Englisch. Dadurch kann er sein Wissen an Besucher aus unterschiedlichen Ländern weitergeben. Unter europäischen Vogelbeobachtern wird er bereits seit vielen Jahren empfohlen. Öffentliche Reiseberichte beschreiben ihn als freundlich, humorvoll, hilfsbereit und außerordentlich ortskundig.
Naturschutz als lokale Aufgabe
Der 1991 gegründete Nationalpark Souss-Massa umfasst rund 33.800 Hektar. Seine ökologische Bedeutung reicht jedoch weit über seine Grenzen hinaus. Flussmündungen, Küstengebiete, Dünen und traditionelle Kulturlandschaften bilden gemeinsam einen Lebensraum, der für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten unverzichtbar ist.
Der Schutz eines solchen Gebiets kann auf Dauer nur gelingen, wenn die Bevölkerung vor Ort daran beteiligt wird. Naturtourismus kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Er schafft lokale Einkommensmöglichkeiten und zeigt zugleich, dass eine intakte Landschaft einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wert besitzt.
Menschen wie Lahcen Ahuilat übernehmen dabei eine vermittelnde Rolle. Sie schlagen eine Brücke zwischen Naturschutz, Wissenschaft, Tourismus und lokaler Bevölkerung. Ihr Wissen stammt nicht nur aus Büchern, sondern aus jahrelanger Aufmerksamkeit: aus dem Beobachten des Himmels, dem Lesen von Spuren und dem Verständnis für die Veränderungen einer vertrauten Landschaft.
Ein Botschafter seiner Heimat
Lahcen Ahuilat macht sichtbar, welche Bedeutung lokale Erfahrung für den Schutz des Naturerbes hat. Er führt Besucher nicht lediglich durch eine schöne Landschaft. Er hilft ihnen, genauer hinzusehen und Zusammenhänge zu erkennen.
Wer mit ihm durch Sidi R’bat und den Nationalpark Souss-Massa zieht, nimmt daher mehr mit als einige gelungene Vogelaufnahmen. Er lernt eine Region kennen, in der Mensch und Natur seit Generationen miteinander verbunden sind – und begegnet einem Mann, der diese Verbindung mit großer Leidenschaft an andere weitergibt.
So wird Lahcen Ahuilat zu einem Botschafter seiner Heimat und zu einer wichtigen Stimme für jene Natur, deren Sprache nur versteht, wer bereit ist, ihr aufmerksam zuzuhören.
