Text: Brahim Oubaha

Manfred „Manni“ Fahnert ist weit mehr als ein Lehmbauer. Er ist Handwerker, Vermittler, Netzwerker und Visionär – ein Mensch, der seit über vier Jahrzehnten mit Erde baut und dabei Menschen, Kulturen und Wissen miteinander verbindet. Sein Lebenswerk steht für die Überzeugung, dass traditioneller Lehmbau nicht nur ein Erbe der Vergangenheit ist, sondern eine zeitgemäße Antwort auf ökologische, soziale und kulturelle Fragen der Gegenwart.

Geboren 1951, führte ihn sein beruflicher Weg vom Feinmechaniker über den Zimmermann bis hin zum Spezialisten für ökologisches und baubiologisches Bauen. Früh erkannte Fahnert das besondere Potenzial von Lehm: als nachhaltigen Baustoff, als Ausdruck regionaler Baukultur und als Träger von Identität. Seit 1994 betreibt er einen eigenen Lehmbau-Fachbetrieb, 1997 gründete er den Lehmexpress – ein bis heute außergewöhnliches Reise- und Workshopformat, das Handwerker, Studierende und Lehmbau-Interessierte aus Europa nach Marokko führt.

Auf diesem Weg wurde er auch durch wichtige Wegbegleiter bestärkt. Besonders der Dachverband Lehm und Zouhair Bennani gaben ihm die Unterstützung, die er brauchte, um sich in seinem Weg bestätigt zu fühlen. Diese Rückendeckung war für ihn nicht nur fachlich bedeutsam, sondern auch ein Zeichen dafür, dass sein Ansatz – Lehmbau als Verbindung von Handwerk, Kulturerbe und internationalem Austausch – zukunftsweisend ist.
Ein zentrales Projekt seines Wirkens ist die Kasbah Caid Ali el Jadida in Agdz im Süden Marokkos. Seit rund 25 Jahren begleitet Manfred Fahnert ihre Sanierung und ihren Erhalt. Die Lehmburg ist für ihn weit mehr als ein Bauwerk: Sie ist ein Lernort, ein Ort praktischer Denkmalpflege und ein Raum gelebter Wissensweitergabe. Hier zeigt sich exemplarisch, wie traditionelles Wissen, nachhaltiges Bauen und internationale Zusammenarbeit zusammenwirken können.

Was an der Kasbah entstanden ist, beschreibt Fahnert selbst als außergewöhnliche Dynamik. Über die Jahre kamen Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus vier Kontinenten und zahlreichen Nationen nach Südmarokko, um an dem Projekt mitzuwirken, zu lernen und sich fachlich wie persönlich weiterzuentwickeln. Für ihn ist genau das ein wesentlicher Kern des gesamten Vorhabens: Wissensvermittlung. Menschen kommen zusammen, verfolgen ein klar definiertes Ziel, arbeiten gemeinsam daran und gehen mit neuen Erfahrungen, neuem Wissen und oft auch mit einer vertieften Sicht auf das eigene Leben zurück. In dieser internationalen Zusammenarbeit sieht Fahnert weit mehr als ein Bauprojekt – er versteht sie als eine kulturelle Bewegung über Kontinente hinweg.
Diese Verbindung von Baupraxis, Lernen und kulturellem Austausch wurde zuletzt auf der denkmal 2024 in Leipzig eindrucksvoll sichtbar. Marokko war erstmals afrikanisches Ehrengastland, und die Messe erwies sich als großer Erfolg. Ein besonderes Highlight war das detailgetreue Modell der Kasbah Caid Ali el Jadida im Maßstab 1:10. Bemerkenswert ist, dass dieses Modell zwanzig Jahre nach seiner ersten Präsentation auf der denkmal 2004 an denselben Ort zurückkehrte – als Symbol einer langjährigen Partnerschaft und kontinuierlichen Arbeit.
Gemeinsam mit seinem Team von Atlas Chantiers, der von ihm gegründeten interkulturellen Lehmbau-Bildungsstätte, gestaltete Manfred Fahnert den marokkanischen Gemeinschaftsstand. In Workshops, Mitmachaktionen und einem Aktionscamp konnten Besucherinnen und Besucher selbst mit Lehm arbeiten. Lehmbau wurde dort nicht nur erklärt, sondern unmittelbar erfahrbar gemacht – als lebendiges Handwerk, als kulturelles Erbe und als zukunftsfähige Bauweise.

Atlas Chantiers versteht sich als Ort des Lernens, der Praxis und der Begegnung. Hier werden traditionelle Bau- und Gestaltungstechniken vermittelt und mit zeitgemäßen Ansätzen verbunden. Dieses Prinzip zeigte sich auch auf der denkmal 2024, wo neben dem Kasbah-Modell innovative Konzepte des erdbebensicheren Lehmbaus vorgestellt wurden. Vor dem Hintergrund der Erdbebenkatastrophe in der Provinz Haouz wurde deutlich, welche Rolle lokale Materialien, handwerkliches Wissen und traditionelle Bauweisen für einen nachhaltigen Wiederaufbau spielen können.

Auch in Deutschland ist Manfred Fahnert eine prägende Figur der Lehmbau-Szene. Als Gast im Lehmuseum Gnevsdorf bringt er 2025 Lehmbaukulturen aus Marokko, Japan und Arizona zusammen. In Vorträgen, Ausstellungen und Gesprächen macht er deutlich, dass Lehmbau kein Randthema ist, sondern Teil einer globalen Baukultur mit hoher Relevanz für Gegenwart und Zukunft.
Was Manfred Fahnert besonders auszeichnet, ist seine Fähigkeit, Menschen zu verbinden: Handwerker, Architektinnen und Architekten, Studierende und Interessierte unterschiedlichster Herkunft. Sein Engagement zeigt, wie kulturelles Erbe, Nachhaltigkeit und moderne Baupraxis ineinandergreifen können. Für ihn ist Marokko dabei nicht einfach ein Ort des Arbeitens, sondern ein Raum intensiver kultureller Begegnung. Gerade weil die Unterschiede zwischen den Kulturen größer seien als innerhalb Europas, würden sie auch intensiver erfahrbar – und damit besonders lehrreich.

Mit seinem Wirken leistet Manfred Fahnert einen bedeutenden Beitrag zum Erhalt des materiellen und immateriellen Kulturerbes. Er erinnert daran, dass Erde nicht nur Baustoff ist, sondern Träger von Geschichte, Identität und Zukunft. Und vielleicht liegt genau darin die tiefere Botschaft seines Lebenswerks: im gemeinsamen Suchen, Lernen und Bauen über kulturelle und geografische Grenzen hinweg. Für Manfred Fahnert ist dies längst mehr als Beruf oder Projekt geworden – es ist eine Lebensphilosophie.
