Loading . . .
Der Sufismus in Marokko: Geschichte, Zaouias und spirituelles Erbe
Read Time:8 Minute, 6 Second

Der Sufismus in Marokko: Geschichte, Zaouias und spirituelles Erbe

0 0

Der Sufismus prägt Marokko seit Jahrhunderten. Seine Zaouias waren nicht nur religiöse Orte, sondern auch Zentren des Wissens, der sozialen Fürsorge, der Vermittlung und des kulturellen Austauschs. Bis heute gehört der sunnitische Sufismus zu den Grundlagen der religiösen Identität des Landes.

Von  TIMA Magazin

Marokko lässt sich kaum verstehen, wenn man die Heiligen, Zaouias und religiösen Bruderschaften aus seiner Geschichte ausblendet. Über Jahrhunderte hinweg prägten sie das religiöse, gesellschaftliche und kulturelle Leben des Landes.

Zaouias waren weit mehr als Orte des Gebets und der spirituellen Einkehr. Sie vermittelten religiöses Wissen, beherbergten Reisende, versorgten Bedürftige, schlichteten Konflikte und bewahrten wertvolle Handschriften. Darüber hinaus verbanden sie Städte mit ländlichen Regionen und begleiteten Handels- und Pilgerkarawanen auf ihren Wegen durch die Sahara.

Einige Zaouias entwickelten sich zu einflussreichen gesellschaftlichen Institutionen. Sie vermittelten zwischen Stämmen, unterstützten den Makhzen oder standen der Zentralmacht zeitweise als eigenständige politische Kraft gegenüber. Der marokkanische Sufismus war deshalb nie ausschließlich eine persönliche und mystische Angelegenheit. Er war zugleich Bildungsbewegung, soziales Netzwerk, karitative Einrichtung und gesellschaftliche Ordnungskraft.

Der Weg der inneren Läuterung

Im Mittelpunkt des Sufismus steht die innere Veränderung des Menschen. Der Gläubige soll lernen, sein Ego zu kontrollieren, seine Absichten zu reinigen und seine Beziehung zu Gott zu vertiefen. Moral soll nicht nur gepredigt, sondern im täglichen Leben praktiziert werden.

Der Sufismus versteht sich als Weg der spirituellen Erziehung. Bescheidenheit, Geduld, Aufrichtigkeit, Selbstbeherrschung und die Suche nach Wissen gehören zu seinen grundlegenden Werten. Ziel ist nicht die äußere Darstellung von Frömmigkeit, sondern die Entwicklung einer inneren Haltung.

Diese Tradition geht auf bedeutende Persönlichkeiten des islamischen Mystizismus wie al-Dschunaid von Bagdad, al-Quschairi und al-Ghazali zurück. Im Maghreb entwickelte sie später ihre eigenen Schulen und spirituellen Persönlichkeiten.

Eine wichtige Rolle spielte Abu Madyan, dessen Lehren die Entwicklung des nordafrikanischen Sufismus nachhaltig beeinflussten. Zu den bedeutendsten marokkanischen Persönlichkeiten gehört außerdem Moulay Abdessalam Ibn Mashish, der Heilige des Jbel El-Alam im Norden Marokkos.

Obwohl Ibn Mashish nur wenige schriftliche Spuren hinterließ, war sein spiritueller Einfluss außerordentlich. Sein Schüler Abu al-Hassan al-Shadhili begründete eine der bedeutendsten spirituellen Traditionen der islamischen Welt. Aus der Shadhiliyya gingen im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche weitere religiöse Strömungen und Bruderschaften hervor.

Der marokkanische Sufismus suchte von Anfang an nach einem Gleichgewicht zwischen religiösem Gesetz, Wissen und persönlicher Gotteserfahrung. Bis heute gilt der sunnitische Sufismus nach der Lehre al-Dschunaids gemeinsam mit dem malikitischen Rechtsritus und der aschʿaritischen Glaubenslehre als eine der religiösen Grundlagen Marokkos.

Al-Jazuli und die gesellschaftliche Verankerung

Seit dem 15. Jahrhundert entwickelte sich der Sufismus in Marokko zunehmend zu einer gesellschaftlichen Kraft. Eine zentrale Persönlichkeit dieser Entwicklung war Mohammed ibn Sulayman al-Jazuli aus der Region Souss.

Sein bekanntestes Werk, „Dala’il al-Khayrat“, ist eine Sammlung von Gebeten und Segenssprüchen für den Propheten Mohammed. Es gehört zu den am weitesten verbreiteten religiösen Werken marokkanischen Ursprungs. Über Jahrhunderte hinweg wurde es vom Maghreb über das Osmanische Reich bis nach Asien gelesen und rezitiert.

Die Bedeutung al-Jazulis beschränkte sich jedoch nicht auf dieses Werk. Das Netzwerk seiner Schüler entwickelte sich in einer Zeit, in der Marokko politisch geschwächt war und sich mit dem portugiesischen Vordringen an seinen Küsten auseinandersetzen musste.

Die Jazuliyya trug zu einer religiösen und gesellschaftlichen Mobilisierung bei. Sie verband spirituelle Bildung mit sozialem Engagement und politischer Verantwortung. Ihr Einfluss wirkte später auch auf den Aufstieg der Saadier.

Das Beispiel al-Jazulis zeigt, was eine religiöse Bruderschaft in jener Zeit leisten konnte: Sie verbreitete Wissen, schuf Bildungsnetzwerke, mobilisierte die Bevölkerung und verband unterschiedliche Regionen miteinander.

Die Zaouia von Dila als politische Macht

Im 16. und 17. Jahrhundert gewannen mehrere marokkanische Zaouias erheblich an Einfluss. Einige entwickelten sich beinahe zu eigenständigen politischen Mächten.

Ein herausragendes Beispiel war die Zaouia von Dila im Mittleren Atlas. Sie verfügte über ein weitreichendes religiöses Netzwerk und gewann zunehmend wirtschaftlichen und militärischen Einfluss.

Nach dem Zusammenbruch der Saadier beteiligte sich die Zaouia unmittelbar an den politischen Auseinandersetzungen um die Herrschaft in Marokko. Ihre Anhänger kontrollierten zeitweise sogar Fès. Später wurde ihre Macht durch die aufstrebende Dynastie der Alawiten beendet.

Die Geschichte der Dila-Zaouia verdeutlicht, dass religiöse Institutionen im vormodernen Marokko auch politische Akteure sein konnten. Ihre Autorität beruhte nicht nur auf religiöser Verehrung, sondern ebenso auf ihrem gesellschaftlichen Netzwerk und ihrer Fähigkeit, unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zu mobilisieren.

Tamegroute als Zentrum des Wissens

Eine andere Entwicklung nahm die Nasiriyya von Tamegroute bei Zagora. Die im Drâa-Tal gelegene Zaouia entwickelte sich im 17. und 18. Jahrhundert zu einem bedeutenden religiösen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Zentrum.

In Tamegroute wurden Gelehrte ausgebildet, religiöse Werke verfasst und Handschriften gesammelt. Die bis heute bekannte Bibliothek der Zaouia erinnert an eine Zeit, in der religiöse Einrichtungen zu den wichtigsten Orten der Wissensvermittlung gehörten.

Die Nasiriyya unterhielt Beziehungen zu Nomadenstämmen und war in die Handelsverbindungen zwischen Marokko und den Regionen südlich der Sahara eingebunden. Gelehrte, Händler, Reisende und Pilger fanden in der Zaouia Unterkunft, Schutz und geistige Orientierung.

Tamegroute zeigt damit eine besonders wichtige Seite des marokkanischen Sufismus: die Verbindung von Spiritualität, Bildung, Gastfreundschaft und wirtschaftlichem Austausch.

Eine spirituelle Geografie Marokkos

Im Laufe der Jahrhunderte entstand in Marokko ein weitreichendes Netz religiöser Zentren. In Boujaad wirkte die Charqawiyya, in Ouezzane die Wazzaniyya. Weitere Zaouias entstanden im Norden, in den atlantischen Ebenen, im Mittleren Atlas, im Souss sowie in den südöstlichen und vorsaharischen Regionen.

Dadurch entwickelte sich eine eigene spirituelle Geografie Marokkos. Sie bestand aus Zaouias, Mausoleen, Pilgerstätten und Moussem-Festen. Zahlreiche Familien und religiöse Linien wurden mit einer besonderen „Baraka“, also einem spirituellen Segen, verbunden.

Die Zaouias boten der Bevölkerung Orientierung und Schutz. In Konfliktzeiten konnten sie als Zufluchtsorte dienen. Ihre Vertreter vermittelten bei Auseinandersetzungen zwischen Familien, Stämmen oder lokalen Machthabern.

Zugleich stärkten sie die Verbindung zwischen unterschiedlichen Regionen des Landes. Spirituelle Lehrer und ihre Schüler reisten durch Marokko, gründeten neue religiöse Zentren und verbreiteten ihre Lehren.

Aissawa, Hamadcha und Gnawa

Zu den bekanntesten religiösen und kulturellen Traditionen Marokkos gehören die Aissawa. Die Bruderschaft entstand in Meknès um Mohammed al-Hadi Ben Aïssa, der auch als Scheich al-Kamel bekannt ist.

Aus dem ursprünglichen spirituellen Kern entwickelte sich eine besondere Verbindung von religiösen Anrufungen, Musik und gemeinschaftlichen Zeremonien. Trommeln, Ghaitas, Prozessionen und rhythmische Bewegungen prägen viele Zusammenkünfte der Aissawa.

Auch die Hamadcha sind besonders in der Region Meknès und Zerhoun verwurzelt. Ihre religiösen Praktiken verbinden spirituelle Anrufungen und Musik mit traditionellen Vorstellungen von Heilung.

Eine besondere Stellung nehmen die Gnawa ein. Ihre Geschichte ist eng mit subsaharischen Bevölkerungsgruppen und mit der Erinnerung an die Sklaverei verbunden. In ihren sogenannten „Lila“-Nächten verbinden sich Musik, Gesang, Farben, Düfte und spirituelle Symbolik.

Aissawa, Hamadcha und Gnawa zeigen, wie eng religiöse, musikalische und kulturelle Ausdrucksformen in Marokko miteinander verflochten sind. Dennoch besitzen diese Traditionen jeweils ihre eigene Geschichte und dürfen nicht unterschiedslos unter einem einzigen Begriff zusammengefasst werden.

Die Tijaniyya und Marokkos Beziehungen zu Afrika

Im 18. Jahrhundert gewann die Tijaniyya große Bedeutung. Ihr Begründer Ahmed al-Tijani wurde in Aïn Madhi im heutigen Algerien geboren und ließ sich später in Fès nieder. Dort starb er im Jahr 1815.

Sein Mausoleum in Fès gehört bis heute zu den wichtigsten spirituellen Orten der Stadt. Die Tijaniyya breitete sich vor allem in Westafrika aus und entwickelte sich zu einer der bedeutendsten Sufi-Bruderschaften des Kontinents.

Dadurch wurde Fès zu einem Bezugspunkt für zahlreiche Gläubige aus Afrika. Gelehrte, Würdenträger und Pilger besuchen die Stadt und die dortige Zaouia.

Die Geschichte der Tijaniyya verdeutlicht, dass die Beziehungen Marokkos zu Afrika nicht erst in der Gegenwart entstanden sind. Sie beruhen auf jahrhundertealten religiösen, kulturellen und menschlichen Verbindungen.

Die Darqawiyya und der Kampf gegen das Ego

Eine weitere bedeutende marokkanische Richtung ist die Darqawiyya. Sie wurde von Moulay Larbi al-Darqawi begründet und gehört zur großen spirituellen Familie der Shadhiliyya.

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts verbreitete sich die Darqawiyya in verschiedenen Regionen Marokkos und darüber hinaus im Maghreb. Ihre Lehre legt besonderen Wert auf den Dhikr, die innere Bescheidenheit und die Befreiung von übermäßiger Bindung an materielle Dinge.

Im Zentrum steht der Kampf gegen das eigene Ego. Der Mensch soll lernen, sich nicht über Besitz, gesellschaftliche Stellung oder äußere Anerkennung zu definieren. Der spirituelle Weg verlangt deshalb Geduld, Selbstbeobachtung und eine ständige Arbeit am eigenen Charakter.

Die Qadiriyya Boutchichiyya

Zu den bekanntesten zeitgenössischen Sufi-Bruderschaften Marokkos gehört die Qadiriyya Boutchichiyya mit ihrem Zentrum in Madagh in der Oriental-Region.

Im 20. und frühen 21. Jahrhundert erlebte sie unter Scheich Hamza al-Qadiri Boutchich und seinem Sohn Jamal Eddine eine bedeutende Entwicklung. Die Bruderschaft gewann Anhänger aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, darunter Akademiker, Studenten, Beamte und Angehörige städtischer Mittelschichten.

Auch außerhalb Marokkos entstanden Gemeinschaften von Anhängern. Die Boutchichiyya verbindet traditionelle spirituelle Erziehung mit wissenschaftlichen, kulturellen und sozialen Aktivitäten.

Im Mittelpunkt ihrer Praxis stehen der Dhikr, die Begleitung durch einen spirituellen Lehrer und die schrittweise Erziehung des Charakters. Der Gläubige soll lernen, Hochmut, Egoismus und übermäßige Selbstbezogenheit zu überwinden.

Ein lebendiges religiöses Erbe

Der Sufismus ist ein wesentlicher Bestandteil der religiösen und kulturellen Geschichte Marokkos. Seine Bedeutung liegt nicht allein in den bekannten Mausoleen, Moussem-Festen oder religiösen Zeremonien.

Sein eigentliches Erbe besteht in den Zaouias, Bibliotheken, Handschriften und Bildungsnetzwerken, die über Jahrhunderte entstanden sind. Ebenso wichtig sind seine sozialen Werte: Gastfreundschaft, Solidarität, Vermittlung, Fürsorge für Bedürftige und friedliches Zusammenleben.

Die spirituelle Botschaft des Sufismus richtet sich an den einzelnen Menschen. Sie fordert ihn auf, sein Verhalten zu überprüfen, nach Wissen zu suchen und Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen zu übernehmen.

Die Größe des marokkanischen Sufismus zeigt sich deshalb nicht in äußeren Erscheinungsformen. Sie besteht vielmehr darin, dass ein hochmütiger Mensch Bescheidenheit lernt, ein gewalttätiger Mensch Selbstbeherrschung entwickelt und ein unwissender Mensch beginnt, nach Erkenntnis zu suchen.

Marokko besitzt mit seinen Zaouias und spirituellen Traditionen ein außergewöhnliches religiöses und kulturelles Erbe. Dieses Erbe gehört nicht nur der Vergangenheit an. Es bleibt ein wichtiger Bestandteil der Identität und des gesellschaftlichen Gedächtnisses des Landes.

Happy
Happy
0 %
Sad
Sad
0 %
Excited
Excited
0 %
Sleepy
Sleepy
0 %
Angry
Angry
0 %
Surprise
Surprise
0 %
Previous post Sanaa Jeddoubi: Die junge Frau an der Spitze des Ahidous