Mit einer in Spanien und Europa bislang einzigartigen kulturhistorischen Initiative hat die andalusische Stadt Granada am Samstag, dem 13. Juni 2026/2976, das Amazigh-Museum „Espacio Amazigh“ eröffnet. Es befindet sich im historischen Carmen de los Porcel, das zum monumentalen Komplex der Alhambra gehört. Die Alhambra zählt zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Spaniens und gehört zum UNESCO-Welterbe.
Das neue Museum ist das erste europäische Zentrum, das vollständig der Geschichte, dem Kulturerbe und der mediterranen Ausstrahlung der Amazigh-Zivilisation gewidmet ist.
Das ehrgeizige Kulturprojekt wurde gemeinsam vom Patronat der Alhambra und des Generalife sowie von der Dr.-Leïla-Mezian-Stiftung verwirklicht. Es soll die bedeutende Rolle der Amazigh in der Geschichte von al-Andalus wieder sichtbar machen und ihren entscheidenden Beitrag zur politischen, kulturellen und künstlerischen Entwicklung der andalusischen Zivilisation würdigen.
Die Eröffnung bildet den Abschluss eines visionären Projekts, das von der verstorbenen Dr. Leïla Mezian Benjelloun über die nach ihr benannte Stiftung initiiert wurde. Zugleich ist das Museum das Ergebnis einer außergewöhnlichen kulturellen Partnerschaft zwischen dem Königreich Marokko und dem Königreich Spanien.
Eine bewegende Hommage an Dr. Leïla Mezian Benjelloun
Die Atmosphäre während der Einweihungsfeier war zugleich feierlich, herzlich und von großer Emotionalität geprägt. Besonders die Würdigung der verstorbenen Dr. Leïla Mezian Benjelloun, einer engagierten Philanthropin und leidenschaftlichen Förderin der Amazigh-Kultur, hinterließ bei den Anwesenden einen tiefen Eindruck.
In ihrer Ansprache erklärte Dounia Benjelloun Mezian, Vizepräsidentin der Dr.-Leïla-Mezian-Stiftung:
„Mein Vater und ich sind heute mit großer Ergriffenheit hier, um diesen Amazigh-Raum einzuweihen. Dieser Augenblick ist für uns von besonderer Bedeutung, weil er die Gegenwart eines Menschen spürbar macht, der uns sehr am Herzen liegt. Meine Mutter, die verstorbene Dr. Leïla Mezian Benjelloun, ist heute nicht körperlich bei uns – und dennoch ist sie überall an diesem Ort präsent. Der Espacio Amazigh verwirklicht ihre Vision und ihren Traum, den Reichtum des amazighischen Kulturerbes im Herzen eines Ortes sichtbar zu machen, der wie kaum ein anderer für den Dialog zwischen den Zivilisationen steht: die Alhambra.“
An der Zeremonie nahmen hochrangige Persönlichkeiten aus Kultur, Diplomatie und Wirtschaft beider Länder des westlichen Mittelmeerraums teil. Unter ihnen waren André Azoulay, Berater Seiner Majestät König Mohammed VI., die marokkanische Botschafterin in Spanien Karima Benyaich, Othman Benjelloun, Vorstandsvorsitzender der Bank of Africa und Ehemann der verstorbenen Dr. Leïla Mezian Benjelloun, sowie Patricia del Pozo Fernández, Ministerin für Kultur und Sport der andalusischen Regionalregierung.
Ebenfalls anwesend waren Vertreter des Patronats der Alhambra und des Generalife, die ehemaligen spanischen Botschafter in Marokko Jorge Dezcallar und Ricardo Díez-Hochleitner Rodríguez, Granadas Bürgermeisterin Marifrán Carazo Villalonga sowie Jerónimo Páez, ehemaliger Präsident der Stiftung „El Legado Andalusí“. Letzterer spielte eine wichtige Rolle bei der marokkanisch-spanischen Kulturkooperation und gehörte gemeinsam mit Dr. Leïla Mezian Benjelloun zu den Initiatoren dieses ambitionierten Projekts.
Zahlreiche weitere Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kunst, Wissenschaft und Kultur nahmen ebenfalls an der feierlichen Eröffnung teil.
Würdigung der amazighischen Gründer Granadas
Der „Espacio Amazigh“ würdigt insbesondere die amazighische Dynastie der Ziriden, die Granada im Jahr 1013 gründete. Darüber hinaus erinnert das Museum an die bedeutenden Amazigh-Dynastien, die die Geschichte der Stadt und von al-Andalus entscheidend prägten: die Almoraviden, Almohaden, Meriniden und Nasriden.
Bereits im 16. Jahrhundert schrieb der andalusische Autor Mármol de Carvajal, der viele Jahre in Marokko lebte:
„Die Könige von Granada nahmen sich stets die Herrscher von Fès zum Vorbild. Beide Städte ähnelten einander sehr hinsichtlich ihrer Lage, ihres Klimas, ihrer Bauwerke und ihrer Regierungsweise.“
Diese historische Verbindung zwischen Marokko und Andalusien wird durch den „Espacio Amazigh“ nun auf eindrucksvolle Weise wieder sichtbar gemacht.
Eine außergewöhnliche Sammlung auf 250 Quadratmetern
Der im Carmen de los Porcel eingerichtete Amazigh-Raum umfasst insgesamt 250 Quadratmeter. Davon sind 200 Quadratmeter einer Dauerausstellung vorbehalten.
Gezeigt wird eine außergewöhnliche Sammlung amazighischer Kunst- und Kulturobjekte, die Dr. Leïla Mezian Benjelloun über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren zusammengetragen hatte. Ergänzt wurde sie durch eine bedeutende Schenkung des ehemaligen spanischen Botschafters in Marokko Jorge Dezcallar und seiner Frau Teresa Eça, die dem Museum eine wertvolle Auswahl amazighischer Schmuckstücke überließen.
Auch die andalusische Regionalregierung unterstützte das Projekt aktiv und trug wesentlich zu seiner erfolgreichen Umsetzung bei.
Ritueller Schmuck, jahrhundertealte Teppiche, Zeremonialwaffen, Keramik und Korbwaren erzählen von der Vielfalt und dem kulturellen Reichtum der Amazigh-Zivilisation. Zu den herausragenden Ausstellungsstücken gehören Diademe, die als „Taounza“ bezeichnet werden, Fibeln, „Fekroun“-Brustschmuck, Halsketten und Anhänger aus nielliertem Silber sowie Münzen aus der Epoche der Ziriden. Korallen und Glasperlen zeugen ebenfalls von einem jahrhundertealten Kunsthandwerk und einer tief verwurzelten Symbolik.
Fünf Schmuckensembles aus den Beständen der Stiftung werden auf Figuren präsentiert und vermitteln den Besuchern einen lebendigen Eindruck von der traditionellen Schmuckkultur der Amazigh.
Eine audiovisuelle Reise durch die Amazigh-Kultur
Der „Espacio Amazigh“ bietet darüber hinaus ein umfangreiches audiovisuelles Programm mit insgesamt 17 Filmen, die auf zwei Ebenen des Museums gezeigt werden.
Im Obergeschoss beschäftigen sich drei Filme mit der amazighischen Architektur. Sie stellen traditionelle Speicherburgen, Kasbahs und Ksour vor. Im Erdgeschoss werden 14 Filme von Dounia Productions gezeigt. Sie widmen sich unter anderem nomadischen und amazighischen Hochzeitszeremonien, der Musik und den Tänzen der verschiedenen Regionen sowie den Kreationen der marokkanischen Modedesignerin Tamy Tazi.
Das audiovisuelle Angebot ermöglicht den Besuchern einen umfassenden und sinnlich erfahrbaren Einblick in die lebendige Kultur der Amazigh.
Der Museumsrundgang führt durch die Geschichte der Amazigh von der Antike über al-Andalus und die großen amazighischen Dynastien bis in die Gegenwart. Die Besucher entdecken dabei rituellen Schmuck, kunstvoll gewebte Textilien mit jahrtausendealten Symbolen, vielfältige Keramikarbeiten und Zeremonialwaffen. Auch die charakteristische Architektur der Ksour, Kasbahs und Igoudar wird ausführlich dargestellt.
Ein lebendiger Ort des Dialogs zwischen beiden Seiten des Mittelmeers
Der „Espacio Amazigh“ öffnet bereits im Juni seine Türen für die Öffentlichkeit. Unter der Trägerschaft der Dr.-Leïla-Mezian-Stiftung soll er nicht nur ein Museum, sondern auch ein lebendiger Ort der kulturellen Vermittlung und internationalen Zusammenarbeit sein.
Geplant sind internationale Konferenzen, wissenschaftliche Seminare, Bildungsprogramme, Konzerte und Filmvorführungen. Diese Veranstaltungen sollen in Zusammenarbeit mit der Euro-Arabischen Stiftung in Granada organisiert werden.
Die Wahl Granadas und insbesondere der Alhambra als Standort besitzt eine starke symbolische Bedeutung. Sie verweist auf die tiefen historischen Beziehungen zwischen der Amazigh-Zivilisation, dem Erbe der Nasriden und der Geschichte von al-Andalus.
Die Eröffnung des „Espacio Amazigh“ gilt daher als ein bedeutender Schritt zur internationalen Anerkennung der Amazigh-Kultur und ihres grundlegenden Beitrags zur mediterranen Geschichte. Zugleich bekräftigt das Museum die Werte des Pluralismus, des interkulturellen Dialogs und des friedlichen Zusammenlebens.
