Das IMINIG-Festival in Agadir macht hundert Jahre marokkanischer Migration hörbar und gibt der jungen Amazigh-Literatur eine internationale Bühne
Von TIMA magazin
Vier Tage lang wurde Agadir zu einem Ort der Erinnerung, der Begegnung und des kulturellen Austauschs. Vom 8. bis 11. August 2026 brachte die vierte Ausgabe des IMINIG-Festivals Künstler, Schriftsteller, Wissenschaftler und Angehörige der marokkanischen Diaspora zusammen. Im Mittelpunkt stand ein Thema, das tief in die gesellschaftliche Geschichte Marokkos hineinreicht: hundert Jahre marokkanische Migration.

Organisiert wurde das Festival vom Kultur- und Kunstverein Atelier Ayouz. Nach drei erfolgreichen Ausgaben hat sich IMINIG inzwischen zu einem wichtigen Treffpunkt für die Auseinandersetzung mit Migration, Erinnerung, Identität und kultureller Vielfalt entwickelt. Abdelaziz Oussaih, Direktor des Festivals, beschreibt die Veranstaltung als „einen Ort des Wiedersehens, der Anerkennung und der Dankbarkeit“.

Diese Worte bringen den besonderen Charakter des Festivals auf den Punkt. Migration erscheint hier nicht nur als geografische Bewegung von einem Land in ein anderes. Sie wird vielmehr als menschliche Erfahrung verstanden, die Familiengeschichten, Sprachen, Musik, Literatur und kollektive Erinnerungen über mehrere Generationen hinweg prägt.
Migration als Teil der marokkanischen Geschichte
Das Festival erinnerte an jene Marokkaner, die seit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ihr Land verließen, um vor allem in Europa zu arbeiten und eine neue Existenz aufzubauen. Aus dieser Bewegung entstand im Laufe der Zeit eine vielfältige Diaspora, die enge Beziehungen zu Marokko bewahrt hat.
Die Geschichte der Migration ist deshalb nicht allein eine Geschichte von Entfernung und Trennung. Sie erzählt ebenso von wirtschaftlichem Beitrag, kulturellem Austausch und der Entstehung neuer Identitäten zwischen Herkunfts- und Aufnahmeland. Viele Nachkommen marokkanischer Migranten leben heute gleichzeitig in mehreren kulturellen Welten. Ihre Biografien verbinden unterschiedliche Sprachen, Erfahrungen und Erinnerungen.
IMINIG gab diesen Geschichten eine öffentliche Bühne. Konferenzen und Begegnungen widmeten sich den persönlichen und gesellschaftlichen Dimensionen der Migration. Künstlerische Darbietungen, Lesungen, Ausstellungen und musikalische Veranstaltungen machten deutlich, dass Erinnerung nicht nur durch historische Dokumente vermittelt wird. Sie lebt ebenso in Liedern, Gedichten, Erzählungen, Bildern und familiären Überlieferungen weiter.

Das Programm fand an mehreren Orten in Agadir statt. Dazu gehörten öffentliche Plätze und kulturelle Einrichtungen wie das Cinéma Sahara, die Industrie- und Handelskammer sowie das Institut français. Damit öffnete sich das Festival bewusst zur Stadt und zu ihren Bewohnern. Kultur sollte nicht hinter geschlossenen Türen stattfinden, sondern als gemeinsames Erlebnis zugänglich sein.
Eine Bühne für junge Amazigh-Autoren
Ein besonderer Schwerpunkt der vierten Ausgabe lag auf der zeitgenössischen Amazigh-Literatur. In Zusammenarbeit mit dem Verein Tiwizi 59 aus Lille organisierte Atelier Ayouz erstmals den internationalen Wettbewerb „Taskla s Tderfit“ für Lyrik und Kurzgeschichten in Tamazight.
Teilnahmeberechtigt waren junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren mit Wohnsitz in Europa oder Amerika. Der Wettbewerb umfasste insgesamt sechs Auszeichnungen – jeweils drei für Lyrik und drei für Kurzgeschichten. Während die Gedichte thematisch frei gestaltet werden konnten, beschäftigten sich die Kurzgeschichten mit dem Thema „Nachkomme von Migranteneltern“.
Damit richtete sich der Blick gezielt auf eine Generation, die Migration häufig nicht mehr selbst erlebt hat, deren Alltag aber weiterhin von ihren Folgen geprägt ist. Für viele junge Menschen ist Tamazight dabei mehr als eine Sprache. Es ist eine Verbindung zur Familiengeschichte, zum Herkunftsort der Eltern oder Großeltern und zu einem kulturellen Gedächtnis, das über Landesgrenzen hinweg weitergegeben wird.
Die ausgewählten Beiträge wurden von ihren Autoren im Rahmen der Preisverleihungen am 10. und 11. August vorgestellt. Darüber hinaus ist ihre Veröffentlichung in einer Anthologie vorgesehen. So schafft der Wettbewerb nicht nur einen kurzfristigen Anlass zur Auszeichnung, sondern trägt auch zur Dokumentation und Verbreitung neuer Amazigh-Literatur bei.
Bemerkenswert ist zudem der ausdrückliche Anspruch auf Authentizität: Die Teilnehmer mussten bestätigen, dass ihre Texte weder Plagiate enthielten noch mithilfe künstlicher Intelligenz verfasst worden waren. In einer Zeit automatisierter Inhalte setzte das Festival damit bewusst auf die persönliche Stimme, die individuelle Erfahrung und die schöpferische Verantwortung des Autors.
Kultur als Verbindung zwischen den Generationen
Das IMINIG-Festival versteht die marokkanische Diaspora nicht als eine Gemeinschaft außerhalb Marokkos, sondern als Teil einer gemeinsamen und vielfältigen Geschichte. Die Zusammenarbeit mit Tiwizi 59 in Frankreich verdeutlicht diesen grenzüberschreitenden Ansatz. Sie verbindet das kulturelle Leben in Marokko mit den Erfahrungen junger Menschen in Europa und Amerika.

Gerade die Kunst kann Brücken schaffen, wo politische oder gesellschaftliche Debatten häufig nur Zahlen und Probleme sehen. Ein Gedicht über die Sprache der Großmutter, eine Erzählung über das Aufwachsen zwischen zwei Ländern oder ein Lied aus der Herkunftsregion kann Erfahrungen vermitteln, die in Statistiken keinen Platz finden.
Die vierte Ausgabe des IMINIG-Festivals hat gezeigt, dass hundert Jahre Migration nicht nur Anlass für einen historischen Rückblick sind. Sie sind zugleich eine Einladung, über Gegenwart und Zukunft nachzudenken: über Zugehörigkeit, kulturelle Weitergabe und die Rolle der jungen Generation.
Grenzen und Entfernungen können Menschen voneinander trennen. Doch eine Sprache, ein Lied oder eine Geschichte kann ein verloren geglaubtes Gefühl der Verbundenheit wieder lebendig machen. Genau darin liegt die besondere Bedeutung des IMINIG-Festivals.
