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Das marokkanische Klanggedächtnis im Berliner Phonogramm-Archiv: Ali Faiq und die Musik der Ṛṛways
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Das marokkanische Klanggedächtnis im Berliner Phonogramm-Archiv: Ali Faiq und die Musik der Ṛṛways

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Text: Brahim Oubaha

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) und die Fondation Nationale des Musées (FNM) haben in Rabat eine wegweisende Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. Ziel ist es, die Zusammenarbeit in den Bereichen Museen, Forschung, Ausstellungen und kulturelle Bildung zu intensivieren. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf dem materiellen und immateriellen Kulturerbe – darunter historische Klangarchive wie die Berliner Phonogrammaufnahmen, die frühe Zeugnisse marokkanischer Musik bewahren.

Diese Zusammenarbeit steht exemplarisch für eine neue Form kultureller Diplomatie, bei der Archive nicht als abgeschlossene Speicher, sondern als gemeinsames, lebendiges Erbe verstanden werden. Vor diesem Hintergrund spricht der Sänger, Forscher und Kulturvermittler Ali Faiq über die Musik der Ṛṛways, die Berliner Lautarchive und die Bedeutung internationaler Kooperationen für die Bewahrung des marokkanischen Klanggedächtnisses.

Ein Künstler zwischen Identität und Forschung

Ali Faiq, geboren 1965 in der Gemeinde Ait Milk (Provinz Chtouka Ait Baha), lässt sich von zahlreichen musikalischen Traditionen inspirieren. Im Zentrum seines Schaffens steht jedoch die Kunst der Ṛṛways – reisende Dichter und Sänger, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts den Hohen Atlas, den Anti-Atlas und die Souss-Region durchzogen und mit Poesie, Musik und Tanz gesellschaftliche, spirituelle und politische Themen verhandelten.

Für Faiq ist diese Musik mehr als Folklore. Er bezeichnet sie als eine „musique savante“, eine kenntnisreiche Kunstform mit komplexen poetischen und rhythmischen Strukturen. Sein Ziel ist es, dieses Kulturgut vor dem Vergessen zu bewahren und zugleich für jüngere Generationen neu zugänglich zu machen.

Die Berliner Lautarchive als Schlüssel zur Geschichte

Ein Wendepunkt in Ali Faiqs Arbeit war die Begegnung mit den Berliner Lautarchiven. Dort werden unter anderem Wachszylinder aufbewahrt, die zu den frühesten Tonaufnahmen amazigher Musik gehören. Besonders bedeutsam sind die Aufnahmen aus dem Jahr 1916, darunter Gesänge des Raïs Mohamed Lanfad, eines damals erst 27-jährigen Rways aus der Region Ihahan bei Mogador (Essaouira).

Diese Aufnahmen erlauben einen seltenen Blick auf die frühe Klangästhetik der Rways. Teilweise a cappella aufgenommen, geben sie Einblick in die „nackte Stimme“, die Atemtechnik und die feinen stimmlichen Nuancen der damaligen Sänger. Zugleich stellen sie eine direkte Verbindung zur Dichtung von Sidi Hammu at-Talib her, einer zentralen Figur der amazighen Poesie, deren Werk auch vom deutschen Sprachforscher Hans Stumme intensiv untersucht wurde.

Das „Goldene Zeitalter“ der Rways

Für Ali Faiq markiert die Zeit zwischen 1900 und 1950 ein wahres Goldenes Zeitalter der amazighen Musik. In diesen Jahrzehnten traf die mündliche Tradition erstmals auf die Technologie des Phonographen. Große Meister wie Raïs Boujemaa oder Raïs Mohamed Soussi prägten das Genre nachhaltig. Zugleich war es eine Phase ästhetischer Reinheit, bevor moderne Einflüsse die ursprünglichen poetischen und rhythmischen Strukturen veränderten.

Die Berliner Lautarchive fungieren in diesem Zusammenhang als „Hüter der Zeit“. Dank der technischen Präzision der damaligen Aufnahmen konnten Klänge bewahrt werden, die heute nicht nur Forschungsobjekte sind, sondern lebendige Inspirationsquellen für zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler.

Zwischen Tradition und Innovation

Ali Faiqs eigenes musikalisches Schaffen bewegt sich bewusst zwischen Tradition und Gegenwart. In seinen Alben – darunter „Isktitn“ und „Tirra s ikwlan“ – sowie mit seiner Gruppe Amarg Fusion verbindet er das Erbe der Ṛṛways mit modernen Instrumenten und Einflüssen aus Reggae- und Gnawa-Musik. Gleichzeitig kehrt er immer wieder zu den Wurzeln zurück, etwa mit traditionellen Aufnahmen im Tirruysa-Stil.

Parallel dazu arbeitet Faiq an dem Projekt „ARTigmmi Ait Milk“, einem geplanten kulturellen Ort in seiner Heimatgemeinde. Dort sollen Kunst, Musik, Umweltbewusstsein und nachhaltige Entwicklung zusammenkommen – mit besonderem Fokus auf Jugendliche aus der Region Souss-Massa.

Kultur als gemeinsame Verantwortung

Die Kooperation zwischen der FNM und der SPK bewertet Ali Faiq als ein Modell zukunftsweisender kultureller Zusammenarbeit. Sie verwandle Archive in geteiltes Erbe und ermögliche eine Form der erinnerungskulturellen Rückführung, bei der historische Klangdokumente wieder in den marokkanischen Kulturraum integriert werden – etwa durch Museen wie das Musée Mohammed VI d’art moderne et contemporain.

Seine Botschaft an die junge Generation ist klar:
Innovation ist ohne Verwurzelung nicht möglich. Die Musik der Rways sei eine spirituelle Technologie von erstaunlicher Modernität. Wer ihr zuhört, so Faiq, solle sie nicht kopieren, sondern aus ihr die Kraft der Authentizität schöpfen. Die positive Resonanz des Publikums bei seinen Performances zeige, dass dieses Erbe – richtig vermittelt – nichts von seiner Aktualität verloren habe.

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