Text: Brahim Oubaha
Ein vergessener Blick auf Marokko im 19. Jahrhundert
Als sich die europäischen Mächte gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend für Nordafrika interessierten, standen politische und wirtschaftliche Ambitionen meist im Vordergrund. Doch parallel zu diesen machtpolitischen Entwicklungen entstand ein weniger sichtbarer, aber nachhaltiger Zugang: die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Sprache, Kultur und Gesellschaft Marokkos. In diesem Kontext rückten auch die Amazighen – lange Zeit am Rand europäischer Wahrnehmung – ins Blickfeld der Forschung.
Einer der bemerkenswertesten Vertreter dieser frühen wissenschaftlichen Annäherung war der deutsche Orientalist Hans Stumme. Mit seinem 1899 erschienenen Werk „Handbuch des Schilhischen von Tazerwalt“ legte er eine der ersten systematischen Beschreibungen eines amazighischen Dialekts aus dem Süden Marokkos vor. Das Buch gilt bis heute als Meilenstein der Amazigh-Forschung – nicht nur wegen seines Inhalts, sondern vor allem wegen der Haltung, die ihm zugrunde liegt.
Hans Stumme – Forscher zwischen Sprachen und Kulturen
Hans Stumme (1864–1936) gehörte zu einer Generation von Orientalisten, die sich von der reinen Textphilologie entfernte und sich lebendigen Sprachen zuwandte. Während viele seiner Zeitgenossen vor allem klassische Schriften analysierten, interessierte sich Stumme für gesprochene Sprache im Alltag.
An der Universität Leipzig lehrte er eine beeindruckende Bandbreite afrikanischer und semitischer Sprachen, darunter Arabisch, Berberisch, Swahili, Hausa und Äthiopisch. Besonders prägend war jedoch seine Beschäftigung mit den Berbersprachen Marokkos. Stumme erkannte früh, dass diese Sprachen weder „Randphänomene“ noch bloße Dialekte seien, sondern eigenständige, hochkomplexe Sprachsysteme.
Das „Handbuch des Schilhischen von Tazerwalt“ – Aufbau und Inhalt
Das Handbuch widmet sich einer Variante des Taschelḥit, wie sie in der Region Tazerwalt gesprochen wird – einem kulturell und religiös bedeutenden Raum im Süden Marokkos, bekannt unter anderem durch das spirituelle Zentrum Sidi Hmad ou Moussa.
Das Werk gliedert sich in zwei Hauptteile:
Einen ausführlichen grammatischen Abschnitt sowie eine Sammlung von Texten, Dialogen und Glossaren. Stumme behandelt darin unter anderem Lautsystem, Nominal- und Verbalflexion, Pluralbildung, Syntax sowie den Einfluss arabischer Lehnwörter. Besonders wertvoll sind die aufgezeichneten Textproben: Märchen, Alltagsszenen und Dialoge, die einen authentischen Einblick in die mündliche Kultur der Region geben.
Damit dokumentierte Stumme nicht nur eine Sprache, sondern auch eine Lebenswelt.
Feldforschung ohne Kolonie
Bemerkenswert ist die Art und Weise, wie Stumme forschte. Anders als viele seiner französischen Zeitgenossen arbeitete er nicht im Rahmen kolonialer Missionen. Seine wichtigste Quelle war Haj Abdellah ben Mohammed, ein Mann aus Tazerwalt, der sich zur Zeit der Forschung in Deutschland aufhielt. In Leipzig entstand so eine intensive Zusammenarbeit, die man heute als frühe Form der „stationären Feldforschung“ bezeichnen würde.
Stumme legte großen Wert auf präzise phonetische Transkription und dokumentierte Intonation, Vokallängen und Betonungen mit ungewöhnlicher Genauigkeit. Dabei begegnete er seinem Informanten mit Respekt und auf Augenhöhe – eine Haltung, die für die damalige Zeit keineswegs selbstverständlich war.
Wissenschaft im Schatten des Kolonialismus
Obwohl Stumme in einer kolonial geprägten Epoche forschte, blieb seine Arbeit bemerkenswert unabhängig von politischen Ideologien. Er verzichtete auf abwertende Kategorien und beschrieb die Amazigh-Sprache als strukturell reich und formal hochentwickelt. Gerade seine detaillierte Analyse des Verbsystems zeigt, wie komplex und differenziert das Taschelḥit ist – ein Befund, der vielen kolonialen Stereotypen widersprach.
Mehr als Linguistik: Kultur, Religion und Erzähltradition
Das Handbuch ist weit mehr als ein sprachwissenschaftliches Werk. Stumme dokumentierte religiöse Vorstellungen, Elemente der Volksfrömmigkeit, soziale Strukturen und Aspekte des Alltagslebens. Besonders hervorzuheben ist seine Wertschätzung der mündlichen Überlieferung. Er behandelte Erzählungen, Reime und Dialoge nicht als bloße Illustrationen, sondern als eigenständige kulturelle Ausdrucksformen.
Damit nahm er Entwicklungen vorweg, die erst Jahrzehnte später in Ethnologie und Kulturwissenschaft systematisch aufgegriffen wurden.
Bedeutung für die Gegenwart
Mehr als ein Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung hat das Handbuch des Schilhischen von Tazerwalt nichts von seiner Relevanz verloren. Es dient heute als wichtige Quelle für die Amazigh-Sprachforschung, für soziolinguistische Studien zum Sprachkontakt zwischen Arabisch und Amazigh sowie für Initiativen zur sprachlichen und kulturellen Revitalisierung.
Gerade in Zeiten, in denen Fragen von Identität, Mehrsprachigkeit und kulturellem Erbe neu verhandelt werden, gewinnt Stummes Arbeit eine aktuelle Dimension.
Fazit: Ein früher Brückenbauer
Hans Stumme war kein Aktivist im heutigen Sinne, doch seine Arbeit war zutiefst respektvoll. Er zeigte, dass wissenschaftliche Genauigkeit und kulturelle Anerkennung kein Widerspruch sind. Sein Handbuch von 1899 steht exemplarisch für eine Forschung, die zuhört, dokumentiert und ernst nimmt.
In einer kolonial geprägten Zeit schlug Stumme Brücken zwischen Sprachen und Kulturen – ein Vermächtnis, das bis heute nachwirkt.
