Text: Tima magazin
Yennayer 2976, das amazighische Neujahr, ist in Marokko ein zentraler Moment des Jahreswechsels und wird traditionell am 13. Januar gefeiert, während der offizielle arbeitsfreie Feiertag auf den 14. Januar fällt. Im Jahr 2976 der amazighischen Zeitrechnung, entsprechend 2026 im gregorianischen Kalender, steht dieses Fest erneut für Innehalten, Erinnerung und Neuanfang. Für viele marokkanische Familien ist Yennayer weit mehr als ein Datum: Es verkörpert kollektives Gedächtnis, historische Kontinuität und ein tief verwurzeltes agrarisches Erbe. Landesweit, insbesondere in ländlichen und amazighisch geprägten Regionen, kommen Familien zusammen, teilen Speisen, erneuern soziale Bindungen und wünschen sich Glück und Segen für das kommende Jahr. Yennayer stärkt Identität und Zusammenhalt und lebt von der Weitergabe seiner Bräuche von Generation zu Generation. Mit der offiziellen Anerkennung als nationaler Feiertag hat das Fest zusätzliche gesellschaftliche Sichtbarkeit gewonnen und gilt heute als Symbol kultureller Vielfalt, Einheit und gegenseitigen Respekts – gefeiert von Amazigh und Nicht-Amazigh gleichermaßen.
Die Rituale von Yennayer sind reich und vielfältig und verbinden kulturelle, soziale, künstlerische und anthropologische Elemente. Im Mittelpunkt steht die Neujahrsnacht Usuggas n Id als Schwelle zwischen Vergangenheit und Zukunft, Dunkelheit und Licht. Nach der Wintersonnenwende werden die Tage länger, die Natur beginnt zu erwachen und mit ihr der neue agrarische Zyklus. Entsprechend markieren Fruchtbarkeit und Wohlstand die Symbolik des Festes. Traditionell beginnt mit Yennayer die Zeit wichtiger landwirtschaftlicher Tätigkeiten wie Aussaat und Pflügen; in manchen Regionen wird ein Hahn an der Haustür geschlachtet, um Schutz und Segen zu erbitten.
Das gemeinsame Essen bildet das Herz der Feierlichkeiten. Getreide, Hülsenfrüchte und natürliche Zutaten stehen für Fülle und Reichtum. Regional variieren die Speisen und Bräuche: Bei den Ait-Mzal wird Takla, ein Grießbrei, zubereitet, in dem eine Münze oder ein Olivenkern versteckt ist – wer ihn findet, gilt als Glücksträger des Jahres. Im Hohen Atlas wird Couscous mit sieben Gemüsesorten serviert, da die Zahl sieben als segensreich gilt. Im Souss heißt das Gericht Takla n Yennayer und wird mit Arganmandeln oder Dattelpaste verfeinert. Im Rif gehören Mehlspeisen und Moussen dazu, während Kinder Nüsse und Trockenfrüchte erhalten. In der Region Beni-Iznassen um Oujda isst man Ahrfis, Brotstückchen in Hühnerbrühe, in Figuig El-Klila aus getrocknetem Joghurt. In der HaHa-Region werden drei Brotstücke aufs Dach gelegt, die die ersten drei Monate des Jahres symbolisieren; mithilfe von Salz wird zudem der kommende Regen „gelesen“. Auch in Algerien und den Kabylei-Regionen Nordafrikas wird Yennayer begangen, oft mit Tieropfer, festlichem Mahl und dem ersten Haarschnitt eines Kleinkindes als Zeichen des Neubeginns.
Historisch beginnt der amazighische Kalender im Jahr 950 v. Chr., als der Amazigh-Herrscher Scheschonq I. nach einem militärischen Sieg den ägyptischen Thron bestieg. Dieses Ereignis markiert den Ausgangspunkt der Zeitrechnung und verweist auf die tiefen Wurzeln der Amazigh-Kultur in der Geschichte Nordafrikas. Dass heute das Jahr 2976 geschrieben wird, steht für historische Kontinuität und kulturelle Beständigkeit. Eine Volkslegende erzählt zudem von einer alten Frau, die den Winter verspottete, woraufhin der Januar dem Februar einen Tag lieh, um sie zu bestrafen; ein Sturm zerstörte ihre Ernte. Der Mythos mahnt Respekt vor den Naturkräften an und verbindet Demut mit Hoffnung auf das neue Jahr.
Trotz begrenzter wissenschaftlicher Forschung bildet Yennayer ein reiches Feld für anthropologische, historische und kulturelle Studien. Seine Rituale, Erzählungen und kulinarischen Traditionen verdienen es, als immaterielles Kulturerbe intensiver dokumentiert, bewahrt und weitergegeben zu werden. Es liegt an kulturellen Akteuren, Vereinen, Forschungseinrichtungen und der Gesellschaft insgesamt, dieses Wissen lebendig zu halten.
Asegwas amaynu – Frohes Amazighisches Neujahr 2976! ⵣ
